Venus in Wachs

   

Venus in Wachs

Unter ihrer Schutzglocke aus venezianischem Glas und Rosenholz liegt die "Anatomische Venus" von Clemente Susini seit fast 230 Jahren, auf Samt gebettet, im Florentiner Naturkundemuseum La Specola. Diese Wachsfigur ist mehr als nur ein handwerklich perfektes Objekt, dessen so luxuriöse wie bizarre Existenz Susinis Zeitgenossen ihren Glauben anzweifeln lässt. Es – oder besser: Sie – entsteht 1790 in monatelanger, meisterhafter Feinarbeit und soll jungen Studenten, ganz ohne die blasphemische Seziererei mehr oder weniger frischer Leichen, eine Vorstellung menschlicher Anatomie vermitteln. Ihre Präsentation ist eine Sensation: Diese lebensgroße Venus aus farbigem Wachs besitzt echte Glasaugen (in thüringischer Qualität!) und trägt echtes Menschenhaar auf ihrem Haupt (dessen Herkunft eher zweifelhaft unklar bleibt). Während sie so still und anmutig darniederliegt, kann der geneigte Student ihren Körper Stück für Stück auseinander nehmen, Muskeln und Knochen freilegen, nur um mit einer letzten Bewegung den glücklich eingekugelten Fötus in ihrer Bauchhöhle zu enthüllen.

Enthüllung ist das Zauberwort von Susinis Erfindung, denn nicht nur medizinische Gelehrte an der Universität zu Florenz finden großes Interesse an der wächsernen Replik eines Menschen: Kaum ist aus dem toten Körper eine "schöne Leich'" geworden, die so gar nicht ungesund fahl erscheint oder gar stinkt, interessiert sich auch die breite Öffentlichkeit für diese Traum-Frauen. Noch zu Meister Susinis Lebzeiten werden etliche "Schwestern" der Venus geschaffen, die in ganz Europa in Museen und Universitäten, in Krankenhäusern und vor allem auf Jahrmärkten einer zunächst fassungslos-ungläubigen Bevölkerung vorgestellt werden. Seit ihrer Kreation im späten 18. Jahrhundert hören diese Frauen aus Wachs nicht auf, ihre Betrachter in den Bann zu ziehen und zu verwirren: Ewig driften sie zwischen Leben und Tod, Gestaltung und Wissenschaft, Körper und Seele, Abbild und Vorbild, Spektakel und Lehre – sowie Kitsch und Kunst.

Joanna Ebenstein, Künstlerin und Kuratorin des vor zwei Jahren in Brooklyn gegründeten „Morbid Anatomy Museum“, stellt diese "Anatomical Venus" ins Zentrum ihres gleichnamigen Werks. Der reich illustrierte Band zeigt jedoch nicht nur allerhand Kurioses aus fast drei Jahrhunderten Wachsanatomie. Ebenstein spannt auch einen großen Bogen vom morbiden Reiz der künstlichen Leiche zum Objekt- und Puppenfetisch jüngerer Tage. Ein weites Themenfeld also, dass "The Anatomical Venus" zu einer höchst anschaulichen, wenn auch für manche nicht leicht verdaulichen Sammlung ganz besonderer Damenportraits macht.

    Venerina – die "kleine Venus". Lebensgroßes, zerlegbares Wachsmodell aus dem Atelier von Clemente Susini. Um 1782. Museo di Palazzo Poggi, Università di Bologna (ph. Joanna Ebenstein)
    Lebensgroße Wachs-Venus in vierzig Teilen, aus der Spitzner-Sammlung (19. Jahrhundert). Université de Montpellier. ph. Marc Dantan
    Kopf einer lebensgroßen Wachsfigur aus der Spitzner-Sammlung (19. Jahrhundert). Université de Montpellier. ph. Marc Dantan
    Anatomische Venus aus Wachs, Atelier Rudolph Pohl, Dresden. Um 1930. Münchner Stadtmuseum.
    Die Medici-Venus aus dem Atelier von Susini. Um 1780-82. Museo di Storia Naturale Università di Firenze. ph. Joanna Ebenstein