VOODOO meets TECHNO – Ghetto Biennale 2015

   

VOODOO meets TECHNO – Ghetto Biennale 2015


„What happens when First World art rubs up against Third World art? Does it bleed?“


Es gibt sie in Berlin, Sydney und Venedig. Und es gibt sie in Rotterdam, Remscheid und Chengdu. Die Biennale ist schon lang keine venezianische Exklusivveranstaltung mehr. Neben einer Fashion Week, gehört eine Kunst-, Architektur- oder Film-Biennale mittlerweile zum guten, urbanen Ton. So weit, so gut.

Doch wie sieht so eine Biennale an einem Ort aus, der für hochgestochene Kritikergespräche bei leckeren Hors d’oeuvres und feinem Wein weder Zeit noch Raum bietet? Wo andere Dinge wichtiger sind. Wesentliche Dinge.

2009 riefen die ATIS REZISTANS (Resistance Artists) auf Haiti die GHETTO BIENNALE ins Leben. Die Ausgangsfrage „Was passiert wenn Erste-Welt-Kunst auf Dritte-Welt-Kunst prallt?“ wird hier seit sechs Jahren von allen Seiten beleuchtet. Als ein von Imperialismus, Erdbeben, Armut und Cholera-Epidemien gebeutelter Inselstaat, besitzt Haiti vor allem durch die Mischung zahlreicher kultureller Einflüsse eine stark ausgeprägte Kunst-Szene. Stark beeinflusst wird diese außerdem von einer komplexen Voodoo-Kultur der Kreolen.

Über 80 Interpreten stellen sich auch dieses Jahr vom 18. bis zum 21. Dezember wieder der Aufgabe, kreolische Spiritualität mit westlichem Rationalismus zu verbinden. Darunter Arbeiten von Künstlern aus aller Welt:

Alberto DANELLI aus Italien prangert mit WHITE SPIRITS ALTAR üble Geister der westlichen Gesellschaft an: „If the past is always affecting the present and if the future ends where it begins, then there is a chance to effectively intervene over the mechanism of late capitalism through Vodou means.“

Die Dokumentation THE REFLEKTOR TAPES zeigt die Entstehung des Nummer Eins Albums „Reflektor“ der kanadischen Band ARCADE FIRE – von erster Inspirationsfindung auf Jamaica, über Aufnahmen in Montreal bis zum Überraschungskonzert auf Haiti kurz vor Tourbeginn.

Die Amerikanerin Erin Durban ALBRECHT gibt mit ihrem Projekt eine Übersicht über die Geschichte des amerikanischen Imperialismus und die dadurch erschwerte sexuelle Befreiung der Haitinaner in Anbetracht oppressiver Homophonie und angestrebter Genderindividualität.

Und auch zwei Deutsche machen sich auf den Weg in die Karibik, um dort ein fiktives, temporäres MUSEUM OF TRANCE zu errichten. Hier wird die deutsche Trance-Musik-Szene der 1990er ähnlich wie in einem Völkerkundemuseum präsentiert. Buffalo-Stiefel, Extasy, Yingyang-Ketten, tranceartig tanzende Partypeople. Die Berliner Künstler Henrike NAUMANN und Bastian HAGEDORN wollen damit Parallelen zu den bewusstseinserweiternden Trance-Tänzen des haitianischen Voodoo-Kults herstellen.

So verstreut die Themen und Projekte der einzelnen Künstler auch scheinen mögen – das Hauptziel der Ghetto Biennale ist, die Vielfalt zu feiern, sich nach Außen zu öffnen und gleichzeitig auf Zustände im eigenen Land und die daraus resultierende Kultur aufmerksam zu machen. Die Veranstalter ATIS REZISTANS entstammen seit jeher einer Welt aus Schutt, Armut, Müll und der daraus entstandenen Kreativität, die sich in Ready-Mades, Collagen und vielseitigen Performances widerspiegelt. Ihnen geht es um die Transformation von Müll zu Kunst, von Zerrüttung zu Harmonie, von Not zu Ausdruck. Und von Ghetto zu Performanceplattform.

    [all] Ghetto Biennale 2013
    [top left to bottom left] Ghetto Biennale 2013 [bottom right] Museum of Trance, German raver in trance, 2000