TEXT / Yorka Schmidt-Junker
FOTO / Joachim Baldauf
„Dein Gesicht ist wie das eines jeden Anderen – mit zwei Augen, der Nase in der Mitte und einem Mund unten. Es ist immer das Gleiche. Wenn du jetzt zum Beispiel zwei Augen auf der gleichen Nasenseite hättest oder den Mund oben: Das wäre eine echte Hilfe!“
(aus: Alice hinter den Spiegeln, Lewis Carroll)
Der Vorschlag des übellaunigen sprechenden Eis Humpty Dumpty in Carrolls berühmtem Kinderbuch von 1871 wäre für manche Menschen eine reelle Orientierungshilfe. Denn die spontane Gesichtserkennung, anhand derer wir Verwandte und Freunde bis hin zu weitläufigen Bekannten identifizieren, ist bei ihnen gestört. Zwar können sie alt und jung sowie das Geschlecht einer Person unterscheiden, doch alle weiteren Zuordnungen erscheinen ihnen schwierig bis unmöglich. Inmitten von Menschenmengen fühlen sie sich unsicher, denn sie fürchten stets, an vermeintlichen Bekannten grußlos vorbeizulaufen und somit peinliche Situationen heraufzubeschwören. Deshalb greifen sie in der Öffentlichkeit häufig auf Vermeidungsstrategien wie dem abrupten Wechseln der Straßenseite oder Ersatzhandlungen wie dem Telefonieren zurück; damit sollen mögliche Begegnungen und das daraus resultierende Übersehen von bekannten Personen a priori verhindert werden.
Jahrelang schrieb man das Phänomen der Gesichtsagnosie lediglich Trauma- oder Schlaganfallpatienten zu, die aufgrund von Schäden im Gehirn oder Nervengewebe keine Gesichter mehr erkennen konnten. Der Neurologe Joachim Bodamer taufte diese seltene spezifische Störung 1947 auf den Namen „Prosopagnosie“, zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern „Prosopon“, das Gesicht, und „Agnosia“, das Nicht-Wissen.
(MEHR ZU DIESEM THEMA IN DER AUSGABE 2/2008 AB SEITE 160)


