TEXT / Annette Geiger
ILLUSTRATION / Emrah Seçkin
Wenn man sich ansieht, was heute alles cool sein soll, kann einen das Grausen packen. Es beginnt z. B. mit der grammatikarmen Ausdrucksweise unserer Kinder (ja, so früh fängt es inzwischen an), in der jedes zweite Wort „cool“ lautet und dies nichts weiter meint als „ja“, „alles klar“, „super“. Auch im Visuellen kann man sich der Allgegenwärtigkeit des Cool nicht entziehen. Wen immer man ansieht, man muss davon ausgehen, er hat sich bewusst so gestylt. Das sind keine „Unfälle“, sondern ernst gemeinte Inszenierungen, die als Coolness gedeutet werden wollen. Und wer das nicht versteht, hat eben keine Ahnung.
Eine Form der Schamüberwindung für Fortgeschrittene war einst die Coolness. Damals, als Coolsein noch eine Kultur war. Wann sie begann, ist schwer zu datieren. Man könnte bis zu den Stoikern zurückgehen, die eine strenge Kontrolle der Affekte anstrebten, um daraus mentale Unabhängigkeit zu gewinnen. Nur bezog sich ihre Philosophie auf den nackten Körper bzw. Geist – noch ohne die Inszenierung des Äußeren einzubeziehen. Erst die höfischen Kulturen brachten jenes Moment hervor: Coolness galt es in der Mode, aber auch in Benehmen, Sprache und Habitus zu pflegen. Immer Herr der Lage – auch in den Dingen der Eleganz. Cool zu sein, war zunächst Sache der Eliten.
Sollte man nun beklagen, dass die Populärkultur heute auch daran teilhaben darf? Wohl kaum, so viel Demokratisierung muss sein. Wie sonst hätten wir zu Bogart in „Casablanca“ gefunden oder zu Delon als eiskaltem Engel, wer hätte uns sonst die Femmes fatales gegeben, wenn nicht die kühlen Heldinnen der Kinoleinwand. Als Stil noch Stil war, brachten High & Low, Subkultur wie Mainstream die legendäre Geburt der Coolness hervor. Nadelstreifen und Whiskyglas oder Lederjacke und geripptes Unterhemd waren keine leeren Hüllen, sondern Style und Konzept. Referenzen mit Sinn sucht man heute oft vergebens. Lieber züchtet man einen Hund, der auch in die Handtasche passt, oder sieht in der Vogue Bambini nach, wie man den Nachwuchs heute passend zum eigenen Outfit dresst. Wenn das cool sein soll, ist cool out – oder nur noch eine melancholisch verschwimmende Erinnerung an eine hohe Kulturtechnik.
(MEHR ZU DIESEM THEMA IN DER AUSGABE 3/2008 AB SEITE 182)


