Text / Andreas Pinczewski
Foto 1 / King Diamond (2007), Metal Blade Records
Foto 2 / Peter Beste



Wäre es nach dem griechischen Philosophen Platon gegangen, hätte man das Schminken in der Antike bestimmt verboten. Denn aus den wenigen Äußerungen, die wir in seiner Schrift Gorgias dazu finden, spricht vor allem Verachtung: Die Kunst der Verschönerung oder Putzkunst sei eine Praxis, „die voller Bosheit und Trug, unedel und kriecherisch, durch Formen und Farben, durch Glätte und Kleiderpracht täuscht und dazu führt, dass man mit fremder Schönheit prangt, dagegen die eigene Schönheit, die Frucht der Gymnastik, vernachlässigt“. Wer also seine Schönheit in ihrer Substanz im Sinne habe, der solle Sport treiben, weil alles andere eine Lüge sei, die nur dazu diene, sich und den anderen zu schmeicheln.

Wenn wir ehrlich sind, hat sich im Grunde seitdem nicht viel geändert. Man muss nicht einmal ein Anhänger der so genannten natürlichen Schönheit sein, um nicht insgeheim zuzustimmen, dass Lug und Trug zum eigentlichen Geschäft des Schminkens gehören. Wer Wahrheit sucht, der findet sie nicht im Makeup, sondern darunter: die Wahrheit ist immer ungeschminkt. Da hilft es auch nicht, wenn der französische Dichter Charles Baudelaire 1863 in seinem „Lob auf die Schminke“ versucht, das platonische Ideal auf den Kopf zu stellen. Das ganze Gerede von natürlicher Schönheit, so meint er, sei doch eigentlich Unsinn, weil die Natur immer fehlerhaft sei. In der Kunst, ja, darin sei wahre Schönheit zu finden, und deshalb empfiehlt er auch allen Damen, mit voller Kraft in die Schminktöpfe zu greifen, um jene künstliche und damit künstlerische Schönheit zu erreichen, für die sie im Grunde geschaffen sind und die die Natur von alleine nicht zustande gebracht hat. Baudelaires Argumentation hat allerdings einen Haken. Zwar findet der Franzose das gut, was Platon schlecht fand, aber er lässt dennoch das Grundprinzip unberührt, mit dem Platon das Wesen der Schminke erfasst zu haben glaubte: Schminke ist Simulation – sie schafft künstliche Schönheit zum Zwecke der Verführung. Insofern muss es eigentlich verwundern, dass ausgerechnet im Heavy Metal – der Subkultur, die besonders viel Wert auf Begriffe wie Ehrlichkeit und Echtheit legt und Verführung gerne auch mit Überwältigung verwechselt – seit nunmehr 40 Jahren immer wieder, und zum Teil reichlich, geschminkt wird. Ob es sich um die schwarz angemalten Gesichter von Alice Cooper, KISS oder King Diamond handelt oder die feminine Schminke im Hair Metal und bei Twisted Sister, im Grunde steht dies im Widerspruch zur Szene-Ideologie, vor allem, wenn wir das oben von Platon und Baudelaire Gesagte als Voraussetzung nehmen. Besonders deutlich wird dieser scheinbare Konflikt im aus Skandinavien stammenden Black Metal, der wohl wie kein zweites Metalgenre vom Kult des Authentischen geradezu besessen ist, gleichzeitig aber mit dem so genannten „Corpsepaint“ um den Anfang der 1990er Jahre herum die bisher letzte Entwicklung im Bereich der Metalschminke ins Spiel bringt. Jedoch könnte bereits der Umstand, dass ein solches Make-up als „Leichenbemalung“ bezeichnet wird, auch bedeuten, dass hier eventuell etwas ganz anderes vor sich geht als das, was wir normalerweise über Schminke denken. Mit diesen Gesichtern des Schreckens betreten wir die dunkle Seite des Makeups, wo tollwütige Bestien in bluttriefenden Verliesen nur darauf warten, dass man sie unvorsichtigerweise nach der Marke ihres Lippenstifts fragt.

(MEHR ZU DIESEM THEMA IN DER AUSGABE 4/2008 AB SEITE 212)

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