Text & Interview / Fabian Kölmel
Seit dem 14. Jahrhundert sind Parfüms ein fester Bestandteil europäischer Kultur, sind Aphrodisiakum, Stimmungsfinder, Merkmal von Persönlichkeit, Geschmack und Stil sowie Zeichen für Hygiene. Doch aus den kostbaren Essenzen aufwändiger Parfümeurskunst ist im 21. Jahrhundert längst das Massenprodukt einer gewinnbringenden Industrie geworden. 790 Millionen Euro werden jährlich allein in Deutschland für Parfüms der Luxus- und Prestige-Kategorie ausgegeben. Diese Kaufkraft hat das Kulturgut Parfüm zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor etabliert. Nur noch wenige Parfümeure haben deshalb die Möglichkeit und oftmals auch das Verständnis, in ihrem Beruf die Muse und das Handwerk miteinander zu verbinden. Jean Claude Ellena ist seit 2004 Chefparfümeur des französischen Traditionshauses Hermès. Er stammt aus Grasse, einer kleinen Stadt im Südosten Frankreichs, Département Alpes-Maritimes, dem Ort, der als Gründer-Zentrum der europäischen Parfümindustrie gilt. Ellena entwickelte Duft-Bestseller wie „First“ für Van Cleef & Arpels, Bulgaris „Déclaration“, für Hermès unter anderem „Kelly Calèche“ und die „Hermessence“-Reihe, eine Duftkollektion, die exklusiv nur in Hermès Boutiquen erhältlich ist. Wir trafen Monsieur Ellena aus Anlass des Launch des achten „Hermessence“-Dufts „Vanille Galante“ und sprachen mit ihm über allgemeinen Geruchsverlust, zerstäubbare Botschaften, die Wiederentdeckung der Vanille und warum es eine Zumutung ist als, Parfümeur in Hotels zu übernachten.
Es ist kalt in München. Der Winterteer auf der Straße imitiert verdrecktes Eis und der Dezemberwind presst sich fies durch die Knopflöcher meines Mantels. Als ich von der Maximilianstraße abbiege in Richtung Hermès-Showroom, überlege ich kurz, welches Parfüm ich heute Morgen verwendet habe. Ich rieche Probe und frage mich, ob ich so einem der bekanntesten Parfümeure unter die Nase treten darf. Im Showroom angekommen bringt man mich in einen Raum in Hermès-Orange, auf einem kleinen Tisch stehen Petit Fours und stilles Wasser. „Soyez le bienvenu“, höre ich die PR-Dame von draußen sagen. Er ist also da, Monsieur Ellena. Dunkelblaue Stoffhose, graues Kaschmirsakko, weißes Haar, ein kleines, ehrliches, sympathisches Lächeln. Während wir auf Olivier Monteil warten, Hermès’ Directeur de la Communication, der auch am Interview teilnehmen wird, unterhalten wir uns über Creme Caramel, weil uns die Farbe eines „Hermessence“-Flakons daran erinnert. Ich finde das typisch französisch und erzähle ihm, dass mir die französische Küche sehr vertraut ist, weil ich nahe dem Elsass aufgewachsen bin. Bevor ich versuche, elegant von der Nachspeise zu
meinen Fragen überzuleiten, tut dies der Kommunikationschef mit seinem Eintritt in den Raum. Alors, s’il vous plaît…
TUSH: Monsieur Ellena, unser Gehör kann in acht verschiedene Grundtöne unterscheiden, das Auge kennt das Farbspektrum, unserer Nase aber fehlt der Geruchsstandard. Würden Sie sagen, Sie besitzen dennoch so etwas wie einen absoluten olfaktorischen Sinn?
Jean Claude Ellena: Ich muss zugeben, es wäre schön, so etwas über mich zu lesen, aber ich muss uns enttäuschen, ich habe keinen absoluten Geruchssinn, den gibt es nicht. Meine Nase ist nichts weiter als eine normale Nase und nicht besser entwickelt als Ihre. Sie ist einfach nur trainierter, ich habe ihr beigebracht, die gleichen Dinge, die auch Sie wahrnehmen könnten, anders zu bewerten. Wenn ich etwas rieche, dann kann ich automatisch analysieren, was ich da rieche, wie ein Maler,
der von seinem Bild sagen kann, durch welchen Auftrag, mit welcher Technik und welcher Farbe welches Ergebnis erreicht wurde. Ich teile Gerüche auf, rieche durch sie hindurch und entschlüssele ihre Zusammensetzungen.
TUSH: Wenn es den Geruchsstandard also nicht gibt und Gerüche demnach immer nur individuell beurteilt werden können, wie ist es möglich, dass Sie Düfte wie „First“, „Déclaration“ oder auch „Kelly Calèche“ entwickeln konnten, die alle sehr erfolgreich sind?
Jean Claude Ellena: Mein Leben ist, was ich rieche. Das hört sich komisch an, aber ich übe jeden Tag Gerüche. Wir werden stimuliert von Gerüchen, wir selbst produzieren welche, sie machen uns aus. Meine Beziehung zu ihnen ist einzigartig, aufmerksamer, intensiver als bei anderen. Einen Geruch objektivieren kann ich nicht, ich kann Menschennicht dazu bringen, einen Duft zu lieben, anders zu riechen, ich kann ihnen aber die Möglichkeit anbieten, etwas anderes zu riechen. Und darauf scheinen sich doch einige einzulassen.
(MEHR ZU DIESEM THEMA IN DER AUSGABE 1/2009 AB SEITE 214)



