Text & Interview / Fabian Kölmel
Manish Arora designt Mode. Endlich. Nach Umwegen. Er ist ein Créateur d’objets, ist Architekt oder vielmehr Statiker, gestaltet Welten aus Textil, Welten aus dem Irgendwo zwischen Orient und Okzident.
Manish Arora ist in Indien geboren, Anfang der 1970er Jahre. Er ist geprägt von den Gegensätzen der indischen Kultur, von den Dimensionen der Stadt, in der er aufgewachsen ist: Mumbai. Der schmale Landstreifen am Arabischen Meer, das wirtschaftliche Zentrum Indiens und die Metropole eines multiethnischen Landes. Mit der bekannten Universität und dem Rajabai-Tower auf dem Hauptcampus, der Kunst- und vor allem der Filmszene Bollywood. Eine offizielle Einwohnerzahl gibt es nicht, die geschätzte liegt nach Hochrechnungen von Volkszählungen bei etwa 13,9 Millionen Menschen, Mumbai ist somit eine der bevölkerungsreichsten Städte dieser Welt. Die Hindus sind neben den Muslimen die dominierende Religionsgemeinschaft, Minderheiten wie Buddhisten, Christen, Sikhs, Parsen und Juden sind ebenso verbreitete Religionsgruppen Indiens. Aroras Heimatstadt ist geprägt von den Kolonialzeiten Portugals und Großbritanniens, historistische Architektur steht neben Mogul-Baustil. Mumbai lebt von seinen Kontrasten. Seit 1947 ist die Stadt unabhängig, bis 1996 hieß sie Bombay, ein Relikt aus der portugiesischen Kolonialzeit. Man muss diesen Komplex Mumbai tatsächlich zunächst einmal aufbröseln, um Manish Aroras Mode als ihre logische Schlussfolgerung erkennen zu können, die Quelle seines Schaffens zu verstehen, seinen Ideenreichtum nachzuvollziehen. Zunächst schlägt Manish die konservative Richtung ein, er studiert Betriebswirtschaft. Erkenntnis: Er muss aber feststellen, dass diese Entscheidung nicht die richtige war. Genau das andere Extrem, das Kreative, die Mode, reizt ihn. Er beschließt einen ersten Schritt in diese Richtung zu wagen. Dass er später einmal der wohl bekannteste Designer seines Landes werden wird, kann er sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen. Er traut sich nicht direkt an das kreativere Modedesign, sondern zunächst an die bodenständigere Textiltechnik. Er zieht nach Neu-Delhi und schließt dort 1994 als Jahrgangsbester ab. Doch das reicht ihm nicht. Etwas in ihm will ihn als Modeschöpfer outen, und Manish wird selbst kreativ tätig. Drei Jahre nach seinem Abschluss, 1997, gründet er das Label „Manish Arora“ und setzt damit ein Zeichen. Er hat sich gefunden, ist angekommen, er macht seinen Namen zur Mode. Die außergewöhnlichen Kollektionen des Inders sind in den ersten Saisons nur in Indien erhältlich, im Jahr 2000 vertritt Manish sein Heimatland auf der Fashion-Week in Hongkong und präsentiert zum ersten Mal seine Arbeiten einem größeren Publikum. Man wird international aufmerksam auf den lauten, extrovertierten Stil des Inders. 2005 wagt Arora das Debüt auf der Londoner Fashion-Week. Er wird belohnt und erntet Begeisterung von Presse und Einkäufern. Der Inder wird Teil der Ausstellung „Global/Local“ im Londoner Victoria & Albert-Museum, internationale Bestätigung gibt es zudem von Modejournalisten wie Suzy Menkes oder Hilary Alexander. Heute lebt Manish Arora noch immer in Neu-Delhi, seine Kollektionen zeigt er seit 2008 in Paris, sie sind jedes Mal aufs Neue komplexe Fantasiewelten, voll von überladenem Kopfschmuck, Masken, verhüllt, verspielt, verkleidet. Er kombiniert kräftige Farben und kontrastiert Kleider, die wie indische Saris fallen, mit Micky-Maus-Prints, kreiert Mäntel à la Hollywoods Matrix und dann wieder römisch anmutende Gladiatoren-Minis. Manish Arora tobt sich aus im formalen Stilpluralismus, er schneidert in Kultur und Zeit, überlagert Morgen- und Abendland, vernäht und drapiert Genres, ist Global Player im wörtlichen Sinne. Wir sprachen mit ihm über seine Heimat, veraltete Systeme, neue Impulse, Ost und West und warum Berlin als Standort nicht ausgeschlossen ist.
TUSH: Mr. Arora, Sie studierten zuerst Betriebswirtschaft, dann wagten Sie den Sprung zur Textiltechnik und seit 1997 arbeiten Sie als Designer. Wie kam es zu dieser Peu-à-peu-Annäherung?
Manish Arora: Ich hatte irgendwann das Gefühl, meiner wirklichen Berufung zu folgen, also kreativer zu arbeiten, und Betriebswirtschaft war nicht wirklich das, was mich völlig ausfüllte. Und dann zog ich von Mumbai nach Delhi, um Mode zu studieren, und seitdem lebe ich hier.
(MEHR ZU DIESEM THEMA IN DER AUSGABE 4/2009 AB SEITE 224)



