TUSH 18

 

Ausgabe 04/2009

»Don’t cross your legs!« schreit jemand in Richtung erste Reihe. Bloß keine Beine im Bild. Es ist stockdunkel. Die schweren Bouquets zahlloser Parfums hängen wie eine Wolke unter der hohen Decke. Dann, der erste Schlag, der erste Beat. Laut, dumpf und elektronisch. Die Alphatiere sitzen auf der Lauer, das Amphitheater platzt. Das Licht geht an und beim dritten Schlag steht sie im Kegel des hellen Scheinwerfers. Sie scheint nicht zu atmen, die Killergazelle. Alles an ihr ist lang. Ein Bein hebt ab und schlägt nach einem Meter wieder auf, das andere trifft einen Beat später auf den Laufsteg. So stark und mechanisch, als würde der Runway kein Ende nehmen. Ganz vorne bleibt sie fast stehen. Dreht sich in Slowmotion, kommt kurz zur Ruhe, dann kehrt sie zurück ins Licht…

Heute, nach über zwanzig Jahren Business, sind für mich das Model und der Laufsteg immer noch eine der interessantesten Geschäftsbeziehungen und eine Begegnung der besonderen Art. Zu meiner Anfangszeit ging es bei Mugler, Gaultier und Chanel ums Wippen und Schaukeln: »Macht mal was mit euren langen Beinen.« Claudia, Naomi und Linda, sie hatten Attitude. Sie schaukelten und groovten, sie lachten oder eben gerade nicht. Jede verkörperte einen anderen Typ Frau. Ich denke, Sie alle kennen das Video »Too Funky« von Mr. George Michael, wenn nicht, dann wird das jetzt allerhöchste Zeit. Das war einmal die Realität. Wie ist das heute? Die Ansage ist nun eine andere: »Cool, sexy, straight, no pose, no attitude, don’t wait at the end.«

Unsere Ausgabe beschäftigt sich auf 272 Seiten mit der Gegenwart und der Zukunft der Pose. Denn wir finden, dass gerade jetzt die Pose wichtiger ist denn je. Das Schöne an ihr ist nämlich, dass man mit ihr Wirkung erzielen und Botschaft übermitteln kann. Die Grundvoraussetzung: Die Haltung wahren, sich selbst gut und seine Stärken kennen und sich immer wieder ein Ziel vor Augen führen. Das unterscheidet das amateurhafte Posieren, wie man es zur Genüge kennt, von einer Signature-Pose. Die TUSH hat ihre Pose sehr wohl gefunden. Inzwischen sind wir fast im sechsten Jahr TUSH angekommen und definieren den Runway der Haute-Couture-Magazine entscheidend mit. Nach Tendenzen und Prognosen, hüh und hott, Investition und Reinvestition, Veränderung und Beständigkeit können wir zu unserem Thema »La Vie en Pose!« mit einer gehörigen Portion Attitude sagen: Natürlich ist es auch wichtig, hin und wieder die Pose zu wechseln, aber die Haltung, die darf man dabei nie verlieren!

In diesem Sinne: Viel Spaß und bis im nächsten Jahr!
Ihr Armin Morbach

Ein Kommentar zu “TUSH 18”

pink paprika / 13.01.2010 / 11:32
#1

wenn ich mich auch sonst wenig für das thema posen interessiere, der text macht lust auf mehr. so muss journalismus sein!

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