Interview / Claudia Seidel
Aktuell zeigt der Martin Gropius Bau in Berlin die große Retrospektive „F.C. Gundlach. Das fotografische Werk“. Die Ausstellung mit etwa 350 Exponaten ist noch bis zum 14. März zu sehen und ein Anlass mehr, sich mit F.C. Gundlach über den Zeitgeist, die Moden und das Unbestechliche der Fotografie zu unterhalten.
TUSH: Sind Sie mit der Ausstellung in Berlin zufrieden?
Es läuft hervorragend. Die Ausstellung kommt natürlich auch zu einem Moment, in dem sie gut in das Berlinbild und die Berliner Atmosphäre passt. Die ersten zehn Jahre nach der Wiedervereinigung – während dieser Zeit war ich auch an der Hochschule der Künste tätig – waren ja doch sehr schwierig. Es war eine Zeit der Stagnation, es gab die Rivalität mit dem Osten. Es gab lange Zeit eigentlich zwei Städte und daher keinesfalls Synergien, die zusammenflossen, die eine Zentrale, eine Metropole, auch eine Modemetropole hätten entstehen lassen können. Nach den ersten zehn Jahren hat sich die Situation dann langsam verändert. Und obwohl Berlin immer wieder in Teile zerfiel, sind wir nun an einem Punkt angelangt, an dem Berlin wieder an seine Tradition, insbesondere an seine Modetradition anknüpfen kann.
TUSH: Als Fotograf haben Sie seit den 1950er-Jahren die Mode intensiv begleitet, Sie waren in Paris sehr früh vor Ort. Der Blick zurück auf den Anfang Ihrer Karriere zeigt allerdings, dass Sie neben Modefotografie auch Porträts und Reportagen machten, für die Werbung arbeiteten und auch Architektur fotografierten. Ihr Interesse an der Mode schien zunächst neben vielem anderen zu stehen…
Mein Interesse an der Mode hat sich beinahe zwangsläufig ergeben, denn wir reden jetzt, wenn es um die 1950er-Jahre geht, ja noch von der fernsehlosen Zeit. Es gab in Deutschland ganze 30 Illustrierte. Die Zeitschrift, die sich heute Bunte nennt, hieß damals Das Ufer und erschien in Offenburg. In Stuttgart saßen drei Illustrierte. Für sie alle machte ich Reportagen, auch mit ganz banalen Themen. Da war die Mode zunächst ein ganz guter Komplize, banale Themen aufregender zu gestalten. Vor allem beim Film konnte ich das in diesem Zusammenhang sehen. Auch der Redaktion von Film und Frau, die in Hamburg saß, schickte ich meine Bilder und Reportagen aus Paris, aus der damaligen, so muss man es sagen, Weltkulturhauptstadt. Es waren Reportagen über den Film, den Film Noir, oder, weil das Leben in Paris damals auf der Straße stattfand, auch einfach Bilder davon. Ja, das Magazin Film und Frau war damals auch das erste, wenn Sie so wollen, Zeitgeistblatt, das man wieder aufhob, denn das Magazin hatte eine wertige Ästhetik. Und eines Tages fragte mich die Redaktion, ob ich auch eine reine Modestrecke fotografieren könne. Bei diesem ersten Mal bin ich allerdings gleich wieder abgereist, mir war das alles zu viel Aufwand. Bei unserem zweiten Anlauf hatte die Redaktion es so arrangiert, dass mir eine junge Schauspielerin, die zu der Zeit großen Erfolg hatte, drei Tage lang zur Verfügung stand. Es war Ruth Leuwerik, ich kannte sie nicht, das habe ich erst später erfahren. Sie war natürlich ein Typ, der schwer anzuziehen war, und auch nicht unbedingt ein modischer Typ mit all der Wärme, die sie hatte. Wir haben uns dann drei Tage lang gequält und daraus ist meine erste große Modepublikation „365 Tage und ein Kostüm“ entstanden.
TUSH: Was hat eine Schauspielerin nicht, was ein Model hat?
Die Begabung einer Schauspielerin ist etwas völlig anderes als die eines Models. Schauspieler spielen eine Figur, verbergen sich vielleicht sogar hinter einer Figur oder die Figur ist der Leitfaden ihres Spiels vor der Kamera. Oft habe ich deswegen Schauspieler Texte sprechen lassen, damit sie lockerer werden. Ich hatte eben viel beim Film fotografiert und konnte meine Erfahrung nutzen. Im Unterschied dazu, und das macht vor allem die großen Models aus, besteht das Talent eines Models darin, eine Pose zu leben. Das Motto „Mach mal ’ne Pose“ reicht einfach nicht aus.
(MEHR ZU DIESEM THEMA IN DER AUSGABE 1/2010 AB SEITE 202)





